G9 jetzt! BW 

Auch Gymnasiasten brauchen Freizeit

Eingereichte Petition vs. Antwort durch den Petitionsausschuss

so oberflächlich wurde mit dem Antrag umgegangen. Kommentar des Herrn Santelmann (Philologenverband Baden-Württemberg) am Schluss der Gegenüberstellung.

Nehren, 9.10.2016

An den Petitionsausschuss
des Landes Baden-Württemberg

Betreff: Petition „Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 in BW zulassen!“

Sehr geehrte Mitglieder des Petitionsausschusses des Landes Baden-Württemberg! Nachdem wir unter https://www.openpetition.de/petition/online/wahlfreiheit-zwischen-g8-und-g9-in-bw-zulassen

14.607 Unterschriften für unser Anliegen gesammelt haben, die Landesregierung bzw. die Kultusministerin dem dringenden Wunsch von Eltern- und Schülerschaft nach einer Ausweitung von G9-Standorten an allgemeinbildenden Gymnasien aber weiterhin nicht entsprechen will, bitten wir nun den Petitionsausschuss des Landes Baden-Württemberg um Unterstützung:

Ermöglichen Sie weitere G9-Standorte an allgemeinbildenden Gymnasien, wenn Schulen, Schulträger, Schüler und Eltern dies vor Ort wünschen!

Die Unterschriftenliste mit 14.607 Unterschriften wird dieser Petition als Anhang beigefügt.

Begründung:

* G8 ist ein gutes Angebot für sehr leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, aber ein Großteil der gymnasialen Schülerschaft würde von einem Jahr mehr Zeit für vertieftes schulisches Lernen und ihre Persönlichkeitsentwicklung, von mehr Freizeit am Nachmittag für sportliches, musisches oder ehrenamtliches Engagement enorm profitieren.

* Die Auffassung, dass die musisch-kulturelle Bildung durch eine Ausweitung der G9- Standorte gestärkt werden muss, wird vom Landesmusikrat sowie vom Deutschen Tonkünstlerverband DTKV auf Bundesebene und in Baden-Württemberg ausdrücklich unterstützt, siehe http://dtkv.net/BW/

* Die sehr große Nachfrage von Schülern und Eltern nach den bisher zugelassenen G9- Zügen zeigt, dass Baden-Württemberg das Angebot eines neunjährigen Bildungsgangs am allgemeinbildenden Gymnasium flächendeckend braucht: An den 44 genehmigten G9- Standorten gibt es kaum noch G8-Züge, viele der 44 Gymnasien haben aufgrund der Nachfrage komplett auf G9 umstellen müssen. 

* Nicht nur das Wahlverhalten von Schülern und Eltern, auch alle Umfragen zeigen, dass es in Baden-Württemberg einen großen und flächendeckenden Bedarf ab G9-Angeboten an allgemeinbildenden Gymnasien gibt.

* Diesem überdeutlichen Wunsch der Bevölkerung muss die Politik Rechnung tragen und weitere G9-Standorte genehmigen, wenn dies vor Ort von Schule, Schulträger, Schüler- und Elternschaft gewünscht wird.

* Die von den GRÜNEN für sich reklamierte „Politik des Gehörtwerdens“ muss in diesem Punkt in der Praxis umgesetzt werden!

* Die Ausweitung der G9-Standorte ist ein Wahlversprechen der CDU, das eingelöst werden muss!

* Das Kostenargument zieht nicht: G9 ist in der Aufbauphase nicht teurer als G8, sondern spart sogar Lehrerstunden! Die Mehrkosten im Endausbau sind durch den persönlichen und gesellschaftlichen Mehrwert mehr als gerechtfertigt! 

* Die Ermöglichung von G9-Bildungsgängen an allgemeinbildenden Gymnasien ist ein bundesweiter Trend, den Baden-Württemberg nicht verschlafen darf: Niedersachsen ist komplett zu G9 zurückgekehrt, in Hessen herrscht Wahlfreiheit zwischen G8 und G9, in NRW gibt es eine große soziale Bewegung für G9 und in Bayern deutet alles auf eine baldige Rückkehr zu G9 hin. 

* Tausende Bürgerinnen und Bürger unterstützen diese Petition mit Ihrer Unterschrift. 

* Die Unterstützerinnen und Unterstützer dieser Petition haben weitere vielfältige Begründungen für das Anliegen dokumentiert: 

https://www.openpetition.de/petition/argumente/wahlfreiheit-zwischen-g8-und-g9-in-bw-zulassen 

Auch den vielen Kommentaren der Online-Petition sind Gründe für das Anliegen zu entnehmen: 

https://www.openpetition.de/petition/kommentare/wahlfreiheit-zwischen-g8-und-g9-in-bw-zulassen 

Mit freundlichem Gruß und in der Hoffnung auf eine wohlwollende und ergebnisoffene Prüfung unseres Anliegens im Sinne der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen

Cord Santelmann

Referent für Berufspolitik und IT/Medien Philologenverband Baden-Württemberg PhV BW

Kommentar mit Ablehnung durch den Petitionsausschuss:

www.landtag-bw.de/files/live/sites/LTBW/files/dokumente/WP16/Drucksachen/1000/16_1813_D.pdf  Punkt 12.Petition 16/449 - beginnt auf Seite 15 - betr. Ausweitung von G 9- Standorten an allgemein bildenden Gymnasien

Der Petent wünscht eine Ausweitung des Schulversuchs „Zwei Geschwindigkeiten zum Abitur am allgemein bildenden Gymnasium“.

Der Ministerrat hat am 10. Januar 2012 die Eckpunkte des Schulversuchs „Zwei Geschwindigkeiten zum Abitur am allgemein bildenden Gymnasium“ beschlossen und festgelegt, dass insgesamt 44 Modell- schulen ab dem Schuljahr 2012/2013 (1. Staffel mit maximal 22 Schulen) bzw. ab dem Schuljahr 2013/ 2014 (2. Staffel mit maximal 22 Schulen) teilnehmen können. Eine Ausweitung auf eine größere Anzahl von Modellschulen ist nicht vorgesehen.

Die meisten Schülerinnen und Schüler kommen mit dem achtjährigen Gymnasium gut zurecht. Seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums gibt es aber auch Rückmeldungen von Eltern sowie von Schüle- rinnen und Schülern, die von einer erhöhten Belas- tung sprechen.

Das Kultusministerium sieht sich also hinsichtlich der Bildungspolitik heterogenen Erwartungen und Wün- schen der Eltern gegenüber und versucht, diesen ge-

recht zu werden. Schon aus diesem Grund ist eine flächendeckende Rückkehr zum früheren „G 9“ nicht sinnvoll. Es soll vielmehr ermöglicht werden, dass es mittelfristig ausreichend viele Alternativen gibt, in ei- nem anderen Zeitkorridor zum Abitur zu kommen. Zu nennen sind hier die 44 G 9-Modellschulen. Zu nennen sind aber auch die Gemeinschaftsschulen, die einen neunjährigen Bildungsgang zum Abitur ermöglichen und auch der Weg über die beruflichen Gymnasien.

Dass das achtjährige Gymnasium gelingt, zeigen auch die Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung. Die Studie „Konsequenzen der G 8-Reform“ hat im April 2015 festgestellt, dass es keine Unterschiede bei den Abiturnoten der ersten G 8- und letzten G 9- Schüler in den Abiturjahrgängen 2011, 2012 und 2013 gab. Ferner gab es keine oder nur geringfügige Unterschiede bei den Kompetenzen in Mathematik, Physik und Biologie. Die Studie zeigt ebenfalls, dass G 8- und G 9-Schüler gleich viel Zeit für außerunter- richtliche Aktivitäten hatten.

Beschlussempfehlung:
Der Petition kann nicht abgeholfen werden.

Berichterstatter: Wacker

           

 

 

Für uns sind die Argumente des Petitionsausschusses nicht nachvollziehbar:
Kommentar zur Ablehnung:
Cord Santelmann Referent für Berufspolitik und IT/Medien Philologenverband Baden-Württemberg PhV BW

 

 1. Wie kann der Petitionsausschuss zu folgendem Schluss kommen: „ Die meisten Schülerinnen und Schüler kommen mit dem achtjährigen Gymnasium gut zurecht“ , wenn sich an den Standorten, an denen G8 und G9 angeboten werden, über 90 Prozent der Eltern und Schüler für G9 entscheiden? Wie erklärt sich der Petitionsausschuss dann die bundesweite Tendenz zur Rückkehr zu G9, siehe die aktuelle Entwicklung in Bayern?

2. Wieso argumentiert der Petitionsausschuss gegen eine „ flächendeckende Einführung von G9“ , wenn die Petition dies gar nicht zum Ziel hat,sondern lediglich die flächendeckende Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 einfordert?

3. Wieso werden vom Petitionsausschuss als Alternativen zum G9 an allgemeinbildenden Gymnasien die Gemeinschaftsschulen und die
beruflichen Gymnasien aufgeführt, die de facto zwar formal ebenfalls
einen Weg zum Abitur bieten, aber inhaltlich und methodisch ein ganz andersartiges Bildungsangebot machen? Wenn GMS und berufliche Gymnasien das gleiche Bildungsangebot wie allgemeinbildende Gymnasien bieten 
würden, bräuchte man diese Schularten nicht, sondern könnte alle Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Gymnasien zum Abitur führen. Wenn Schulen einen neunjährigen Weg zum Abitur bieten sollen, dann sind es gerade die allgemeinbildenden Gymnasien, denn sie haben ja einen viel breiteren Bildungsanspruch als berufliche Gymnasien, die fachlich spezialisierte Bildungsgänge zum Abitur anbieten.

 

4. Wieso wird als Beleg dafür, dass G8 unproblematisch sei, die Tatsache angeführt, dass es keine Unterschiede bei den Abiturnoten der ersten G8- und letzten G9-Schüler in den Abiturjahrgängen 2011, 2012 und 2013 gab, wenn die Begründung der Petition überhaupt nicht auf das Erreichen guter Noten abzielt, sondern auch den Mehrwert von G9 für Persönlichkeitsentwicklung, musisch-kulturelle Bildung und mehr Freiraum für ehrenamtliches Engagement? Warum gibt es dem Petitionsausschuss nicht zu denken, dass besagte Studie durchaus Unterschiede bei den Kompetenzen in Mathematik, Physik und Biologie feststellen konnte?

 

5. Wie kann eine Studie ernsthaft zu dem Schluss kommen, dass G8-Schüler gleich viel Zeit am Nachmittag wie G9-Schüler haben, wenn die G8-Stundentafel zwingend mehr Nachmittagsunterricht verlangt und im G8 ein ganzes Schuljahr mit seinen Nachmittagen aus dem Curriculum gestrichen wurde?

 

Die Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses wurde am Donnerstag, den 6. April 2017, im baden-württembergischen Landtag beraten. Die Videoaufzeichnung der Beratung finden Sie demnächst hier:

 

http://www.landtag-bw.de/home/mediathek/videos/2017/20170406sitzung0312.html?t=0

 

Zurzeit (8. April 2017) steht das Video leider noch nicht zur Verfügung.
Einen Zeitungsbericht zum Thema finden Sie hier:
http://www.badische-zeitung.de/bildung-wissen-1/acht-oder-neun-jahre-aufs-gymnasium--135425689.html

Das Thema G9 wird von der Politik in Baden-Württemberg zwar totgeschwiegen, es wird die Landesregierung aber weiterhin verfolgen! Der Bedarf für mehr G9-Angebote an allgemeinbildenden Gymnasien lässt sich nicht auf Dauer ignorieren – das zeigt die Entwicklung in Bayern. 

Wenn sich die Elternschaft jetzt vernetzt und gemeinsam und massiv für G9 einsetzt, dann wird die Politik Baden-Württembergs daran nicht länger vorbeisehen können! Es gibt schon eine Anlaufstelle für Interessierte: http://www.G9-jetzt-BW.de 

 

Für uns sind die Argumente des Petitionsausschusses nicht nachvollziehbar:

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